Ernährungssicherheit
Wie abhängig wollen wir von Geflügelfleisch-Importen sein?
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Die Entwicklung ist eindeutig: Die Menschen in Deutschland verbrauchen bereits heute mehr Geflügelfleisch, als hierzulande erzeugt wird. Denn zwischen 2010 und 2025 stieg der Verbrauch von Geflügelfleisch deutlich stärker als die heimische Produktion. Während der Verbrauch um rund 30 Prozent zunahm, legte die Bruttoeigenerzeugung (Gesamtmenge an inländisch produziertem Geflügelfleisch) lediglich um neun Prozent zu.
Der Selbstversorgungsgrad über alle Geflügelarten hinweg liegt aktuell nur noch bei 91 Prozent. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung beim Hähnchenfleisch. 2010 lag der Selbstversorgungsgrad noch bei 122 Prozent. Bis 2025 sank er bereits auf 93 Prozent, Tendenz klar fallend.
Weiterer Artikel zur Roland Berger Geflügelstudie 2026
Importüberschuss mehr als verachtfacht
Wie stark sich diese Entwicklung bereits im Außenhandel niederschlägt, zeigt eine Zahl besonders eindrücklich: der Importüberschuss.
- 2014 importierte Deutschland rund 597.000 Tonnen Geflügelfleisch und exportierte rund 542.000 Tonnen. Unter dem Strich stand damit ein Importüberschuss von lediglich 55.000 Tonnen.
- 2025 steht der Einfuhr von rund 859.000 Tonnen nur noch rund 397.000 Tonnen Exporte gegenüber. Der Importüberschuss beträgt damit 462.000 Tonnen – und hat sich innerhalb von elf Jahren mehr als verachtfacht.
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Fazit:
Deutschland deckt die wachsende Nachfrage nach Geflügelfleisch zunehmend über Ware aus dem Ausland. Besonders stark sind dabei die Einfuhren hochwertiger Teilstücke gestiegen. Zwischen 2014 und 2025 erhöhten sich die Importe von Hähnchen-Premiumteilstücken von rund 264.000 auf 443.000 Tonnen – ein Plus von 68 Prozent.
Importabhängigkeiten bergen Risiken
Internationaler Handel ist und bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil der Lebensmittelversorgung. Auch die Roland Berger Geflügelstudie 2026 plädiert ausdrücklich nicht für eine Abschottung des deutschen Marktes. Aber …
Die Studie macht deutlich auf die damit verbundenen Risiken aufmerksam, die entstehen können, wenn sich Deutschland bei einem wichtigen Lebensmittel zunehmend von ausländischen Lieferregionen abhängig macht. Tierseuchen, geopolitische Konflikte, Exportbeschränkungen oder stark schwankende Kosten für Futtermittel, Energie und Transport können internationale Lieferketten belasten und die Verfügbarkeit von Lebensmitteln beeinflussen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Mit dem Ort der Erzeugung entscheidet sich auch, unter welchen Standards produziert wird. Bei heimisch erzeugtem Geflügelfleisch kann Deutschland die Rahmenbedingungen für Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie Lebensmittelsicherheit selbst mitgestalten und kontrollieren. Wird ein wachsender Teil der Nachfrage durch Importe gedeckt, verlagert sich dagegen auch die Produktion ins Ausland – und damit der Einfluss auf die Produktionsbedingungen.
Es geht bei der Frage nach dem Selbstversorgungsgrad deshalb um mehr als die reine Verfügbarkeit von Geflügelfleisch. Es geht auch darum, wie viel Einfluss Deutschland künftig darauf hat, wie das hier verbrauchte Geflügelfleisch erzeugt wurde.
Deutschland sollte sich strategisch wappnen. Wir beobachten, dass Lieferketten anfälliger werden und geopolitische Verwerfungen schneller auf Agrarmärkte und Lebensmittelpreise durchschlagen. Deutschland verfügt zugleich über günstige natürliche Ressourcen und Bedingungen, Know-how und eine leistungsfähige Infrastruktur. Es ist daher strategisch sinnvoll, die heimische Geflügelproduktion als starke Säule der Ernährungssicherheit und der Versorgung auszubauen.
Bis 2040 könnte der Selbstversorgungsgrad deutlich weiter sinken
Der Blick nach vorn verschärft das Bild. Die Roland Berger Geflügelstudie 2026 prognostiziert bis 2040 ein jährliches Nachfragewachstum bei Geflügelfleisch von 2,1 bis 2,5 Prozent. Bei Hähnchenfleisch liegt der prognostizierte Zuwachs sogar bei bis zu 3,4 Prozent pro Jahr. Das ist ein kumuliertes Wachstum von 50 Prozent bis 2040. Konservativ geschätzt.
Die heimische Erzeugung entwickelt sich unter den heutigen Rahmenbedingungen deutlich langsamer. Wird ihre bisherige Entwicklung fortgeschrieben, wächst sie bei Geflügelfleisch lediglich um rund ein Prozent jährlich. Warum eigentlich? Unsere Branche ist investitionsfähig und willens, initial etwa 1 Milliarde Euro für moderne Ställe und Verarbeitungskapazitäten einzusetzen. Wenn sie das politisch auch dürfte. Aktuell bremsen Vorschriften und Baugenehmigungen dieses dringend erforderliche Wachstum.
Ohne zusätzliche Kapazitäten öffnet sich die Lücke zwischen Nachfrage und heimischer Produktion deshalb weiter. Der Selbstversorgungsgrad bei Geflügelfleisch könnte laut den Szenarien der Studie von heute 91 Prozent bis 2040 auf 73 bis 77 Prozent sinken. Bei Hähnchenfleisch liegt der prognostizierte Korridor bei 71 bis 79 Prozent.
Mehr heimische Produktion als Antwort auf steigende Importabhängigkeit
Die entscheidende Stellschraube liegt damit auf der Hand: der Ausbau der heimischen Produktionskapazitäten.
Entscheidend ist, ob diese Investitionen auch realisiert werden können. Dafür braucht es nach Roland Berger insbesondere verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere und planbarere Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und vergleichbare Wettbewerbsbedingungen innerhalb Europas. Alle Details finden Sie ab Seite 39 der Studie.
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4-Schritt-Lösungsansatz nach Roland Berger
Heimische Erzeugung und internationalen Handel ganzheitlich betrachten
Die Zahlen der Roland Berger Geflügelstudie 2026 zeigen, vor welcher Entscheidung Deutschland steht: Die Nachfrage nach Geflügelfleisch wächst weiter. Bleibt die heimische Erzeugung hinter dieser Entwicklung zurück, muss ein immer größerer Teil des Bedarfs über Importe gedeckt werden.
Dabei geht es nicht darum, internationalen Handel durch nationale Produktion zu ersetzen. Internationaler Handel bleibt ein wichtiger Bestandteil der Versorgung. Eine starke heimische Erzeugung reduziert jedoch einseitige Abhängigkeiten, stärkt die Widerstandsfähigkeit der Lebensmittelversorgung – und erhält den Einfluss darauf, nach welchen Standards produziert wird.
Je stärker sich die Erzeugung ins Ausland verlagert, desto geringer ist der unmittelbare Einfluss Deutschlands auf diese Produktionsbedingungen. Die entscheidende Frage für die Versorgung der Zukunft lautet deshalb nicht, ob die zusätzliche Nachfrage nach Geflügelfleisch entsteht. Sondern: WO – und damit auch WIE – wird das Geflügelfleisch produziert, das Deutschland künftig nachfragt?