Nutztierhaltung
„Wer die Nutztierhaltung umbauen will, muss das Gesamtbild im Auge behalten.“
© Hortmann-Scholten
Der „Umbau der Nutztierhaltung“ wird politisch und vom Lebensmitteleinzelhandel weiterhin vorangetrieben: staatliche Tierhaltungskennzeichnung, höhere Haltungsformen, Stallumbauten für mehr Platz, Frischluft und Auslauf sowie mehr Transparenz für Verbraucher. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) beschreibt den Umbau als „Gesamtvorhaben aus Tierhaltungskennzeichnung, Tierschutzrecht, Bau- und Genehmigungsrecht und Förderungen für Umbauten“.
Dr. Albert Hortmann-Scholten kritisiert daran nicht das Ziel „mehr Tiergerechtheit“ an sich, sondern die einseitige Betrachtung. Seine These: Wer Haltungsbedingungen weiterentwickeln will, muss Zielkonflikte mitdenken.
Für die deutsche Geflügelwirtschaft ist das besonders relevant. Denn höhere Haltungsstufen bedeuten meist geringere Besatzdichten, mehr Flächenbedarf und höhere Kosten. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach Geflügelfleisch in Deutschland stetig.
Anlass genug für uns für ein Gespräch mit dem Marktexperten Dr. Albert Hortmann-Scholten.
- Herr Dr. Hortmann-Scholten, Sie kritisieren, dass die Weiterentwicklung der Tierhaltung in Deutschland zu einseitig aus der Perspektive des Tierwohls diskutiert wird. Wo genau liegt aus Ihrer Sicht der Denkfehler?
- Die deutsche Nutztierhaltung hat in den letzten Jahren bewiesen, dass sie sich agil an Marktanforderungen anpassen kann. Landwirte richten ihre Produktion konsequent an den Wünschen der Konsumenten aus – sofern das Konzept wirtschaftlich nachhaltig ist. Früher wurden diese Wünsche primär über die Vermarktungskette vom Einzelhandel und den Schlachtbetrieben an die Erzeuger herangetragen. Seit geraumer Zeit beobachten wir jedoch einen massiven Einfluss von Non-Governmental Organizations (NGOs) auf die Angebotsgestaltung des Lebensmitteleinzelhandels. Das Problem dabei: Die entstehenden Zielkonflikte wurden bisher gar nicht oder nicht ausreichend aufgelöst. Bei einer einseitigen Fokussierung auf den Tierschutz geraten wesentliche Bereiche wie der Klima- und Umweltschutz sowie der gesundheitliche Verbraucherschutz zunehmend aus dem Blickfeld.
- Mehr Platz, niedrigere Besatzdichten und Außenklimakontakt gelten politisch als Fortschritt. Warum verschärfen diese Maßnahmen gleichzeitig Zielkonflikte bei Klimaschutz und Versorgungssicherheit?
- Tierwohl wird heute oft rein metrisch definiert – also an Quadratmetern, Stall- oder Auslauffläche. Dabei werden ökologische und ökonomische Faktoren wie die Ressourceneffizienz vernachlässigt. In Zeiten knapper werdender Ressourcen gefährdet dies die heimische Versorgungssicherheit. Wer die Tierhaltung umbauen will, muss stets das Gesamtbild im Auge behalten: Klimaschutz, Seuchenprävention, Wirtschaftlichkeit und soziale Bezahlbarkeit.
- Aktuell zeigen auch andere Länder, dass der Umbau der Tierhaltung nicht nur am Kriterium Tierwohl gemessen wird. Welche Entwicklungen beobachten Sie international?
- Ein interessantes Signal kommt aktuell aus Großbritannien: Acht große Restaurantketten – darunter Burger King und Popeyes – sind aus dem „Better Chicken Commitment“ (BCC) ausgestiegen. Sie hatten sich verpflichtet, keine schnellwachsenden Hähnchenrassen mehr zu beziehen. Sie sind nun aber zum „Sustainable Chicken Forum“ (SCF) gewechselt, das flexiblere Statuten hat. Auch in Belgien sehen wir diesen Trend. Vermarkter verweisen auf bis zu dreifach höhere Emissionen im Vergleich zur konventionellen Mast. Sie stellen fest, dass die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für diese teuren Konzepte deutlich sinkt. Das zeigt: Selbst große Abnehmer überprüfen derzeit, ob anspruchsvollere Tierwohlprogramme mit Klimazielen, Kosten und Verbraucherakzeptanz vereinbar bleiben.
- Sie verwiesen jüngst auch auf Dänemark und die dortige Klimasteuer. Was macht Dänemark anders – und was kann Deutschland daraus lernen?
- Dänemark verfolgt einen Weg der klimaoptimierten Fleisch- und Milcherzeugung. Die staatliche Beratung konzentriert sich darauf, das Tierwohl vor allem innerhalb der bestehenden Stallhüllen weiterzuentwickeln. Die Klimasteuer fungiert dabei als Anreiz für effizientere Produktionsmethoden.
Die Wirtschaftlichkeit ist die Achillesferse des Transformationsprozesses. Es geht nicht nur um die höheren laufenden Kosten der Haltungsformen 3 bis 5, sondern vor allem um die langfristige Risikoabsicherung für die Landwirte.
- Das bedeutet, ökologische und ökonomische Ziele gehen Hand in Hand?
- Ja, absolut! Durch die Einsparung von Ressourcen wie Futter und Energie werden Treibhausgasemissionen gesenkt. Gleichzeitig steigt die Wettbewerbsfähigkeit, da die gesamte Wertschöpfungskette effizienter arbeitet. Davon profitieren am Ende alle Beteiligten – vom Erzeuger bis zum Verbraucher.
- Kommen wir noch einmal zu dem oft genannten Argument "mehr Platz”. In der Geflügelhaltung führen geringere Besatzdichten zu einem Produktionsrückgang. Was bedeutet das konkret für die Versorgung mit heimischem Geflügelfleisch?
- Wir beobachten bereits jetzt eine Zunahme der Importe bei Hähnchen- und Putenfleisch. Das liegt nicht nur am steigenden Pro-Kopf-Verbrauch, sondern vor allem an der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit heimischer Betriebe. Wenn durch regulatorische Auflagen weitere Kosten für deutsche Erzeuger entstehen, wird sich dieser Trend beschleunigen. Während wir hier Kapazitäten abbauen, wächst das Angebot in Südamerika, Osteuropa und Asien. Sogar China könnte sich mittelfristig vom Importland zum Exportland entwickeln und den Weltmarkt bedienen.
- Welche Risiken entstehen, wenn die heimische Erzeugung aufgrund zu strenger Vorgaben weiter zurückgeht?
- Deutsche Produkte haben durch die „5xD-Strategie“ (Anm. d. Red.: 5xD bedeutet, dass alle Produktionsschritte – Elterntierhaltung, Brüterei, Aufzucht, Mast, Schlachtung und Verarbeitung – in Deutschland erfolgen) bisher einen klaren Wettbewerbsvorteil. Sollte der Kostendruck durch zu hohe nationale Auflagen jedoch so stark steigen, dass preisgünstigere Importwaren attraktiver werden, bricht dieser Vorteil weg. Damit verlieren wir nicht nur Wertschöpfung, sondern auch den direkten Einfluss auf die Haltungs- und Qualitätsstandards.
- Höhere Haltungsformen verursachen Zusatzkosten. Wer trägt dieses finanzielle Risiko am Ende realistisch?
- Die Wirtschaftlichkeit ist die Achillesferse dieses Transformationsprozesses. Es geht nicht nur um die höheren laufenden Kosten der Haltungsformen 3 bis 5, sondern vor allem um die langfristige Risikoabsicherung für die Landwirte. Aktuelle Fälle, in denen Regionalgesellschaften großer Handelsketten Verträge mit Erzeugern einseitig aufkündigen, zeigen das Problem: Der Einzelhandel schmückt sich mit Tierwohlversprechen, entzieht sich aber der Verantwortung, wenn es um die langfristige Abnahmegarantie zu fairen Preisen geht.
- Wie sähe ein praktikabler Weg für die Weiterentwicklung der deutschen Geflügelhaltung aus?
- Tierhaltungdarf nicht losgelöst von der Marktrealität erfolgen. Die Branche hat mit dem System der Haltungsformen bereits ein funktionierendes Instrument geschaffen. Allerdings wird das Marktpotenzial der oberen Stufen (3 bis 5) derzeit massiv überschätzt. Ich halte eine Auslistung der Haltungsformen 1 und 2 für nicht erstrebenswert. Diese Stufen sind aus Gründen des Klimaschutzes (Ressourceneffizienz) und der sozialen Bezahlbarkeit unverzichtbar. Die Haltungsformen 3 bis 5 haben ihre Berechtigung, werden sich aber auf absehbare Zeit in einem Nischensegment bewegen. Denn: Wer die Basiserzeugung politisch schwächt, gefährdet am Ende nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe, sondern auch bezahlbare Lebensmittel aus heimischer Produktion.
Vielen Dank für das Gespräch!