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Ernährungssicherheit

Was hat BroilerNet für die europäische Geflügelwirtschaft erreicht?

von Saskia Troche 22.07.2026 | Lesezeit: 10 min.

© ZDG

Vier Jahre lang haben Wissenschaft, Praxis und Beratung im europäischen Forschungsprojekt BroilerNet gemeinsam daran gearbeitet, praxistaugliche Lösungen für mehr Tierwohl, Tiergesundheit und Nachhaltigkeit in der Masthähnchenhaltung zu identifizieren und europaweit verfügbar zu machen. Mehr als 340 Good Practices wurden gesammelt, 24 davon als besonders vorbildliche „BroilerNet Champions“ ausgezeichnet. Auch Deutschland hat zahlreiche Best Practices eingebracht. Ende Juli 2026 ist das Projekt ausgelaufen.
Doch was bleibt? Welche Erkenntnisse sind für die deutsche Geflügelwirtschaft besonders relevant? Und welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen braucht es jetzt, damit die Innovationen tatsächlich in den Betrieben ankommen?

Darüber sprechen wir mit Wiebke von Seggern, die das EU-Projekt BroilerNet für den Bundesverband bäuerlicher Hähnchenerzeuger (BVH) in Deutschland begleitet hat

© AdobeStock

Frau von Seggern, nach vier Jahren endet BroilerNet. Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Was hat das Projekt aus Ihrer Sicht für die europäische Masthähnchenhaltung konkret erreicht?
BroilerNet hat vor allem etwas geschafft, das in der europäischen Masthähnchenhaltung keineswegs selbstverständlich ist: die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Beratung, Tierärzten, Unternehmen und Geflügelhaltern aus 13 Ländern über mehrere Jahre hinweg. Dabei wurden nicht nur theoretische Forschungsfragen diskutiert, sondern konkrete Herausforderungen aus den Betrieben aufgegriffen und praxiserprobte Lösungsansätze zusammengetragen.
Was ist der daraus entstandene konkrete Mehrwert?
Der bleibende Wert des Projekts liegt aus meiner Sicht vor allem im entstandenen Wissensnetzwerk und im öffentlich zugänglichen BroilerNet Knowledge Hub. Dort stehen Faktenblätter, Videos und weitere Informationen zu den Lösungen bereit. BroilerNet hat damit vorhandenes Praxiswissen über Ländergrenzen hinweg sichtbar und verfügbar gemacht
BroilerNet hat europaweit mehr als 340 Good Practices gesammelt und bewertet. Was hat Sie persönlich dabei am meisten überrascht und warum?
Mich hat vor allem überrascht, wie ähnlich viele Herausforderungen in den verschiedenen europäischen Ländern sind. Trotz unterschiedlicher Betriebsstrukturen, gesetzlicher Vorgaben und klimatischer Bedingungen beschäftigen die Geflügelhalter häufig dieselben Themen: Biosicherheit, Stallklima, Wasserhygiene, Energieverbrauch oder die Frage, wie sich Tierwohl und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden lassen. Gleichzeitig war beeindruckend, wie unterschiedlich die Lösungswege teilweise sind. Eine vergleichsweise einfache Maßnahme, die sich in einem Land bereits etabliert hat, kann in einem anderen Land noch nahezu unbekannt sein. Genau darin lag eine große Stärke von BroilerNet: Die Beteiligten konnten voneinander lernen, ohne dass jede Lösung zunächst in jedem Land vollständig neu entwickelt werden musste.
Deutschland war mit mehreren sogenannten „BroilerNet Champions“ vertreten – unter anderem mit der AI-Risikoampel zur Biosicherheit sowie der CO₂-Bilanzierung über die QS-Klimaplattform. Was sagen diese Beispiele über die Innovationskraft der deutschen Geflügelwirtschaft aus?
Die Beispiele aus Deutschland zeigen, dass die deutsche Geflügelwirtschaft bei wichtigen Zukunftsthemen bereits sehr konkrete und praxisnahe Lösungen entwickelt hat. Beide Champions verdeutlichen, dass Innovation nicht zwangsläufig eine völlig neue Stalltechnik oder eine große Investition sein muss. Innovation kann auch bedeuten, vorhandene Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass Landwirte damit konkrete Entscheidungen treffen können.

Was ist die AI-Risikoampel?

Die AI-Risikoampel ermöglicht Betrieben, ihre Biosicherheit individuell systematisch überprüfen zu lassen. Das Tool erkennt dabei mögliche Schwachstellen frühzeitig. Dadurch können die Halter schneller und besser Vorsorgemaßnahmen zum Schutz des eigenen Geflügelbestandes treffen. Das ist gerade vor dem Hintergrund der anhaltenden Gefahr der Geflügelpest von großer Bedeutung. Die Lösung verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem Instrument, das im Betrieb unmittelbar eingesetzt werden kann.

Was ist die CO₂-Bilanzierung?

Über die QS-Klimaplattform können Landwirte ihre relevanten Daten zu beispielsweise Futtermittel, Energieverbrauch und Tierhaltung eingeben. Daraus wird über ein standardisiertes Verfahren der betriebliche CO₂-Fußabdruck nachvollziehbar berechnet. So können die Geflügelhalter erkennen, wo sie stehen, und Verbesserungspotenziale identifizieren. Das ist wichtig, weil Klimaschutzanforderungen zunehmend auch für die landwirtschaftliche Praxis und die gesamte Wertschöpfungskette relevant werden. Gleichzeitig beeinflussen die CO₂-Daten zunehmend auch die Vermarktung und die Finanzierung.  

© Adobe Stock

Solarpanels sind mittlerweile auf vielen Hofdächern zu finden.
Der Abschlussbericht zeigt auch, dass viele sehr gute Lösungen bereits existieren – sie gelangen nur häufig nicht schnell genug flächendeckend in die Praxis. Warum ist die Umsetzung in der Landwirtschaft oft so schwierig?
Eine Lösung kann fachlich sehr überzeugend sein und sich trotzdem nicht automatisch für jeden Betrieb eignen. Die Betriebe unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Stalltechnik, Größe, wirtschaftlichen Situation, Vermarktung und betrieblichen Abläufe. Eine Good Practice muss deshalb zunächst an die jeweiligen Bedingungen angepasst werden. Hinzu kommt, dass Veränderungen auch oft Investitionen, zusätzliche Arbeitszeit oder ein finanzielles Risiko mit sich bringen. Der Nutzen zeigt sich häufig erst nach mehreren Jahren. Außerdem fehlt es oft an Zeit. Und Zeit braucht es für Beratung und Erprobung sowie für den Austausch unter Berufskollegen. Ein Faktenblatt allein führt noch nicht dazu, dass eine Lösung umsetzbar ist. Landwirte möchten wissen, wie eine Maßnahme unter realen Bedingungen funktioniert, welche Kosten entstehen und welche Erfahrungen andere Betriebe damit gemacht haben. Deshalb sind Demonstrationsbetriebe, langfristige Praxisversuche und der direkte Austausch von Landwirt zu Landwirt so wichtig.
Im Policy Brief fordern die Projektteilnehmer mehr Unterstützung für Landwirte. Welche Rahmenbedingungen fehlen derzeit in Deutschland, damit Innovationen wirtschaftlich tragfähig umgesetzt werden können?
Zunächst brauchen die Betriebe verlässliche und langfristige politische Rahmenbedingungen. Investitionen in Tierwohl, Klimaschutz oder neue Technik amortisieren sich nicht innerhalb einer Legislaturperiode. Die Betriebe müssen darauf vertrauen können, dass Anforderungen und Förderbedingungen Bestand haben. Zudem müssen zusätzliche gesellschaftliche Leistungen auch wirtschaftlich honoriert und am Markt bezahlt werden. BroilerNet hat gezeigt, wie wertvoll moderierter Austausch und die Begleitung von Praxisnetzwerken sind. Solche Strukturen dürfen nicht mit dem Ende eines Forschungsprojekts verschwinden. Der Policy Brief empfiehlt deshalb unter anderem, den Wissenstransfer, den Austausch zwischen Landwirten und längerfristige Praxisstudien gezielt zu finanzieren sowie risikoreiche Innovationen wirtschaftlich abzusichern.

Der nächste Schritt eines möglichen Folgeprojekts BroilerNet 2.0 müsste nun sein, ausgewählte Good Practices über einen längeren Zeitraum auf mehr Betrieben zu erproben, ihre ökonomischen und praktischen Auswirkungen zu messen sowie die Ergebnisse verständlich aufzubereiten.

Wiebke von Seggern, Begleitung des EU-Projekts BroilerNet für den Bundesverband bäuerlicher Hähnchenerzeuger (BVH)
Abschließend der Blick nach vorn: Auf europäischer Ebene wird bereits über ein „BroilerNet 2.0“ diskutiert. Welche Lehren sollte ein mögliches Folgeprojekt aus den vergangenen vier Jahren ziehen?
Ein Folgeprojekt sollte aus meiner Sicht noch stärker auf die tatsächliche Umsetzung in den Betrieben ausgerichtet werden. BroilerNet hat sehr erfolgreich Wissen gesammelt und Netzwerke aufgebaut. Der nächste Schritt müsste nun sein, ausgewählte Good Practices über einen längeren Zeitraum auf mehr Betrieben zu erproben, ihre ökonomischen und praktischen Auswirkungen zu messen sowie die Ergebnisse verständlich aufzubereiten. Dafür braucht es eine stärkere Beteiligung der Geflügelhalter und der gesamten Wertschöpfungskette. Außerdem muss der Nutzen für die teilnehmenden Betriebe klar erkennbar sein. Die Mitarbeit in europäischen Netzwerken kostet Zeit. Landwirte beteiligen sich dauerhaft nur, wenn sie konkrete Erkenntnisse, fachliche Unterstützung und einen wirtschaftlichen Mehrwert erhalten. Dazu gehören eine professionelle Moderation, eine angemessene Vergütung des Aufwands und ein praxisnaher Austausch in der jeweiligen Landessprache.
Worauf würde ein „BroilerNet 2.0“ den Fokus legen?
BroilerNet 2.0 würde weniger neue Einzellösungen sammeln, sondern den Fokus darauf legen, wie die bereits identifizierten Lösungen in die Breite gebracht werden können. Dafür sind länger laufende Projekte, Demonstrationsbetriebe, belastbare Wirtschaftlichkeitsberechnungen und eine kontinuierliche Begleitung notwendig. Nur dann wird aus einer guten Idee tatsächlich eine dauerhaft genutzte Innovation.

Mehr zum Policy Brief:

Alle Forderungen und Empfehlungen der Projektteilnehmer (Policy Brief) hier nachzulesen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Was ist BroilerNet?

BroilerNet ist ein von der Europäischen Union gefördertes Forschungs- und Innovationsprojekt zur Weiterentwicklung der europäischen Masthühnerhaltung.

Von August 2022 bis Juli 2026 vernetzte es Hähnchenhalter, Tierärzte, Berater, Wissenschaftler, Verbände und Unternehmen aus 13 Ländern.

Im Mittelpunkt standen drei Schwerpunktthemen:

  • ökologische Nachhaltigkeit,
  • Tierwohl und
  • Tiergesundheit.


Ziel war es, konkrete Herausforderungen aus der Praxis zu identifizieren, praxiserprobte Lösungen zu sammeln, fachlich sowie wirtschaftlich zu bewerten und europaweit zugänglich zu machen. Die Ergebnisse stehen Landwirten und weiteren Akteuren auch nach Projektende über den frei zugänglichen BroilerNet Knowledge Hub zur Verfügung.

© 2026

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