Ernährungssicherheit
„Versorgungssicherheit beginnt nicht erst im Krisenfall.“
| Lesezeit: 8 min.
© Bundeswehr
Oberst i.G. Schaus ist Abteilungsleiter J9 für zivil-militärische Zusammenarbeit (ZMZ) im Operativen Führungskommando der Bundeswehr in Berlin. Er gilt als Experte bei innerdeutschen Amtshilfeeinsätzen und der Krisenvorsorge. So koordinierte er 2021 den Einsatz der Bundeswehr bei der Flutkatastrophe sowie den Einsatz bei der Corona-Pandemiebekämpfung.
Im Interview erklärt er, warum resiliente Versorgungssysteme entscheidend für die Gesamtverteidigung sind und welche Rolle die Ernährungswirtschaft dabei spielt.
© IDEG
- Herr Oberst, wann haben Sie zuletzt darüber nachgedacht, wie schnell Versorgungssysteme ins Wanken geraten können – etwa wenn Supermarktregale leer bleiben?
- Das Thema Ernährungssicherheit begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich habe Wurzeln in der Landwirtschaft und dadurch immer einen anderen Blick auf Lebensmittel gehabt. Schon früher habe ich erlebt, wie Wetterereignisse oder schlechte Ernten direkte Auswirkungen auf Preise und Verfügbarkeit hatten. In den vergangenen Jahren gab es aber drei Ereignisse, die mir noch einmal besonders deutlich gezeigt haben, wie sensibel unsere Versorgungssysteme sind: der Anschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide mit Auswirkungen auf ein großes Lebensmittellager, die Gasmangellage 2022 und zuletzt der Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres. Gerade beim Stromausfall hat man gesehen, wie schnell Versorgungsketten unterbrochen werden können. Innerhalb kurzer Zeit wurden Regale leerer. Viele Märkte waren nicht notstromversorgt. Und plötzlich merkt man, wie abhängig unsere Systeme von funktionierender Infrastruktur und Logistik sind.
- Ihr Spezialgebiet sind innerdeutsche Amtshilfeeinsätze in Katastrophensituationen. Welche Rolle spielt Ernährungssicherheit aus Ihrer Sicht bei Spannungsfällen wie den von Ihnen genannten?
- Eine zentrale Rolle. Das Ahrtal war dafür ein sehr eindrückliches Beispiel. Dort waren nicht nur die Stromversorgung zerstört, sondern auch Wasser, Abwasser und Verkehrswege. In solchen Situationen muss die Versorgung der Bevölkerung ab Stunde null mitgedacht werden. Im Ahrtal haben wir gemeinsam mit Hilfsorganisationen gekocht, Wasser bereitgestellt und die Grundversorgung unterstützt. Wichtig ist dabei vor allem Geschwindigkeit. Man kann in solchen Lagen nicht mehrere Tage warten, bis die Versorgung funktioniert. Ernährungssicherheit ist dann existenziell – sowohl für die Bevölkerung als auch für die Einsatzkräfte.
- Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) ist ein zentrales Instrument der Bundeswehr. Er legt fest, wie Deutschland im Spannungs- und Verteidigungsfall funktionsfähig gehalten wird. Welche Bedeutung hat die Lebensmittelversorgung in diesem Plan?
- Der OPLAN DEU ist ein militärischer Plan mit zivilen Anknüpfungspunkten. Er betrachtet die militärische Verteidigung Deutschlands und definiert, welche Unterstützung dafür auf der zivilen Seite benötigt wird. Dabei spielt Resilienz eine entscheidende Rolle – Resilienz von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Die zivile Verteidigung basiert unter anderem auf der Versorgung der Bevölkerung. Und dazu gehört selbstverständlich auch Ernährungssicherheit. Die Bundeswehr selbst ist ebenfalls Teil dieser Versorgungsketten. Wir kaufen Lebensmittel ganz normal am Markt ein. Deshalb haben wir ein großes Interesse daran, dass die Ernährungswirtschaft stabil und funktionsfähig bleibt.
- Sie arbeiten intensiv an der zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ). Was bedeutet das konkret für die Ernährungswirtschaft mit Blick auf Logistik, Produktion und Versorgung?
- Wir stehen heute bereits mit vielen Unternehmen der Ernährungswirtschaft in Kontakt – vom landwirtschaftlichen Bereich bis hin zu großen Lebensmittelketten. Die zentrale Frage lautet immer: Wie resilient ist die eigene Wertschöpfungskette? Dabei geht es um neuralgische Punkte in Produktion und Logistik. Haben wir genug Rohstoffe? Wer fährt die Ernte ein? Wer transportiert Lebensmittel? Über 60 Prozent der Lkw-Fahrer in Deutschland haben keinen deutschen Pass. Viele kommen aus osteuropäischen Ländern. Wenn diese Menschen in einer Krise nicht mehr verfügbar sind, entstehen sofort Probleme in den Versorgungsketten. Unternehmen müssen deshalb ihre gesamte Wertschöpfungskette analysieren und Resilienzpläne entwickeln – und diese regelmäßig üben. Genau dabei begleiten wir viele Unternehmen bereits heute.
- Wenn wir davon ausgehen, dass Ernährungssicherheit nicht Autarkie bedeuten kann, sondern resiliente Systeme braucht: Was muss Deutschland jetzt tun, um widerstandsfähiger zu werden?
- Der erste Schritt ist, die Bedrohungslage ernst zu nehmen. Wir erleben heute hybride Bedrohungen – Cyberangriffe, Sabotageakte, Spionageakte oder gezielte Desinformation. Der zweite Schritt ist die Frage: Welche Rolle spiele ich selbst in der Gesamtverteidigung und wie kann ich meine Resilienz steigern? Und der dritte Schritt lautet: üben, üben, üben. Resilienz entsteht nicht auf dem Papier. Unternehmen und Behörden müssen Szenarien praktisch durchspielen, um im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben.
Die Lebensmittelversorgung ist Teil der kritischen Infrastruktur und auch Bestandteil der zivilen Verteidigung.
© Bundeswehr
- Wird die Lebensmittelproduktion aus Ihrer Sicht bereits ausreichend als kritische und verteidigungswichtige Infrastruktur verstanden – auch politisch?
- Ich glaube, das Verständnis wächst deutlich. Die Lebensmittelversorgung ist Teil der kritischen Infrastruktur und auch Bestandteil der zivilen Verteidigung. Es gibt inzwischen viele Gespräche zwischen Ministerien, Wirtschaft und Sicherheitsakteuren. Der Pakt für den Bevölkerungsschutz von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt wird aus meiner Sicht das Thema weiter voranbringen. Aber klar ist auch: Wir haben Zeit verloren und müssen jetzt Geschwindigkeit aufnehmen.
- Sie haben den Milliardenpakt angesprochen, den Bundesinnenminister Alexander Dobrindt aktuell für den Ausbau des Zivilschutzes bis 2029 plant. Doch Zivilschutz ist mehr als Beton. Brauchen wir auch einen Ausbau der Kapazitäten in der Geflügelfleischerzeugung zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung im Spannungsfall?
- Ich bin grundsätzlich ein Fan davon, die heimische Produktion zu stärken. Gerade vor dem Hintergrund globaler Krisen und unterbrochener Handelswege halte ich das für wichtig. Eine starke Lebensmittelproduktion in Deutschland erhöht unsere Versorgungssicherheit und reduziert Abhängigkeiten. Das gilt auch für die Geflügelfleischerzeugung. Und ich wünsche mir insgesamt wieder mehr Wertschätzung für Lebensmittel und deren Erzeugung. Viele Menschen haben heute kaum noch einen Bezug dazu, wie Lebensmittel entstehen. Dabei ist genau das eine wesentliche Grundlage für Resilienz.
- Die deutsche Geflügelfleischerzeugung zeichnet sich durch hohe Qualitätsstandards, kurze Transportwege und eine gute Ökobilanz aus. Welche Rolle kann die Geflügelwirtschaft in Krisensituationen konkret spielen?
- Geflügel ist ein Lebensmittel, das breit akzeptiert und stark nachgefragt ist. Gleichzeitig lässt sich Geflügel regional erzeugen und die Bevölkerung vergleichsweise effizient versorgen. Daher glaube ich, dass die Geflügelwirtschaft einen wichtigen Beitrag leisten kann. Gerade regionale Strukturen erhöhen die Versorgungssicherheit. Wenn Menschen den Eindruck bekommen, dass Lebensmittel knapp werden, haben wir ein Problem. Denn dann entsteht schnell gesellschaftliche Unruhe. Deshalb ist eine stabile Versorgung ein wesentlicher Faktor – und die beginnt nicht erst im Krisenfall.
- Was muss aus Ihrer Sicht heute geschehen – politisch und wirtschaftlich –, damit die Lebensmittelversorgung Deutschlands morgen krisenfest ist?
- Wir müssen unsere heimische Produktion stärken und gleichzeitig die Resilienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette erhöhen. Die Blockade der Straße von Hormuz zeigt gerade eindrücklich, welche Risiken entstehen, wenn Produktionen teilweise oder vollständig ausgelagert werden. Wenn globale Handelswege gestört sind, wird die Abhängigkeit schnell zum Problem. Deutschland hat eine leistungsfähige Landwirtschaft und eine starke Ernährungswirtschaft. Diese Strukturen müssen erhalten und weiterentwickelt werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Was ist der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU)?
Alles Wichtige auf einen Blick: